Kategorie-Archiv: Sprachgebrauch

Gut Kirschen essen

Kirschen essen

Im Sommer ist gut Kirschen essen. Was hat es mit dieser bekannten Redewendung auf sich?

Mit den meisten Menschen ist nicht gut Kirschen essen, wenn sie schlechte Laune haben. Aber was haben Kirschen mit unserem Unmut zu tun? Haben wir zur Kirschsaison schlechtere Laune? Die Kirschenzeit hat gerade angefangen, und die leckeren Früchtchen sind fast überall zu finden. Die frühesten Sorten des Jahres konnten schon im Mai von den Bäumen gepflückt werden, der Gaumenschmaus dauert aber noch bis Ende Juli an. Mittlerweile ist die Kirsche fast auf der gesamten Nordhalbkugel kultiviert worden und allen ein Genuss. Das war allerdings nicht immer so – und da kommen wir der Redewendung auf die Schliche.

Kirschenrache oder Futterneid?

Nachdem die Kirsche ursprünglich zur Zeit des Römischen Reiches von den Römern aus der Türkei nach Europa gebracht wurde, war sie lange Zeit eine exklusive Delikatesse vornehmer Gesellschaften. Ihr Anbau erfolgte nur in den Gärten von Adligen und Klöstern, und die Früchte waren so ausschließlich Edelfrauen und -männern zugänglich. Ein Ereignis aus dem Jahre 1291 kommt daher für die Deutung der Redewendung infrage: Der Erzählung nach seien dem Markgrafen von Meißen auf Schloss Hirschstein angeblich vergiftete Kirschen untergejubelt worden, sodass er bald darauf verstarb. Verdächtigt wurde sein Rivale, der Bischof von Meißen, der sich nach einem Streit nur augenscheinlich mit dem Markgrafen wieder versöhnte – und dann üble Rache nahm. Diese schaurige Geschichte ist allerdings nicht belegt, sodass eine weitere Deutung infrage kommt: Das ausgelebte Privileg des Kirschgenusses wurde nämlich während der Ernte gern mit Festen gefeiert, zu denen Gäste geladen wurden, um sich gemeinsam mit den Gastgebenden an den Früchten zu erfreuen. Menschen unterer Stände versuchten sich dabei angeblich die Chance nicht entgehen zu lassen, selbst an der Freude teilzuhaben, sodass sie sich manchmal unbemerkt auf die Kirschfeten schmuggelten. Ungeladene Gäste waren jedoch, wie man sich vorstellen kann, gar nicht gern gesehen, und so wurden die Eindringlinge – wohl aus Futterneid – mit Kirschkernen und -stielen bespuckt und beworfen, bis sie die Festlichkeit wieder verließen. Wenn man heute deshalb davon spricht, mit jemandem sei nicht gut Kirschen essen, geht die Redewendung auf diese Ereignisse zurück.

Kirschkerne spucken und Stiele schmeißen – oder lieber gleich mit Disteln werfen

Zum ersten Mal trat die Redewendung im späten Mittelalter auf. Offenbar wurden damals die Kerne aber meist noch mitgegessen, weshalb es auch in einer Fabelsammlung mit dem Namen »Der Edelstein« von Ulrich Boner heißt: »Wer mit Herren Kirschen essen will, dem werfen sie die Stiele in die Augen.« Allerdings scheint diese Redewendung in mündlicher Sprache damals noch nicht besonders aktiv gewesen zu sein, weshalb in manchen Schriften aus »die stil« (althochdeutsch) beim Abschreiben plötzlich »diestiel«, also neuhochdeutsch »Distel«, wurde. Das wäre wohl noch deutlich schmerzhafter gewesen. In späteren Belegen sind es dann nicht mehr die Stiele (oder Disteln), sondern öfter die Kerne, mit denen umhergeworfen wird. Während in den Schriften Stiele, Disteln und Kerne variieren, hat sich die Bedeutung über die Zeit dagegen kaum verändert: Zwar bringen wir Menschen, mit denen nicht gut Kirschen essen ist, nicht mehr direkt mit hohen Herrschaften in Verbindung, die ihre Launen an den ihnen Untergebenen auslassen. Aber wir verstehen den Satz auch heute noch als eine Art Warnung: Er ist ein Hinweis auf die wechselhaften Stimmungen einer Person oder auf ihren fragwürdigen Charakter. Zwar würden wir wohl in den seltensten Fällen riskieren, angespuckt zu werden, allerdings würden wir wohl auch eher ungern mit so jemandem unsere Kirschen teilen wollen.

Das Sein und der Schein

Anscheinend und scheinbar

Ist es wirklich so, wie es scheint? Diese Frage stellt sich uns in allen Lebenslagen.

Schon Goethe schrieb: »Die Welt urteilt nach dem Scheine.« (Clavigo, 1774, 4. Akt, Clavigo zu Carlos). In unserem Alltag müssen wir ständig zwischen Schein und Sein unterscheiden. Macht uns jemand etwas vor? Ist etwas wirklich so, wie es scheint? Wann spielt jemand mit Ironie? Um Aussagen, Annahmen oder Vermutungen und irreale Äußerungen voneinander zu unterscheiden, haben wir im Deutschen eine ganze Reihe von Möglichkeiten – eine davon nehmen wir hier einmal genauer unter die Lupe: den Unterschied zwischen »scheinbar« und »anscheinend«. Die beiden eng verwandten Wörter sind auf das Verb »scheinen« (bzw. das Nomen »Schein«) zurückzuführen und werden in der Alltagssprache häufig verwechselt, obwohl sie keineswegs dasselbe bedeuten. Um die Bedeutungsunterschiede der beiden Ausdrücke zu verdeutlichen und zu zeigen, dass der Schein nicht seit jeher trügt, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit der deutschen Sprache.

Die Entdeckung der Realität

Begibt man sich auf die Suche nach dem Ursprung von »scheinbar«, stößt man zunächst auf die alt- und mittelhochdeutschen Wörter scīnbāre bzw. schīnbære. Sinngemäß entsprechen sie den heutigen Wörtern »sichtbar« oder auch »leuchtend«. So heißt es zum Beispiel im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (Band 14): »scheinbar → adj. glänzend, klar, offenbar, sichtbar«. »Scheinbar« war also alles, was man sah oder was erkennbar wurde und war damit real und in der Welt vorhanden. Der Schein, der heute mit Unehrlichkeit und Heuchelei verbunden wird, trügt dagegen erst seit Ende des 18. Jahrhunderts. Dank dem gewachsenen Interesse daran, die Welt aus wissenschaftlicher Perspektive zu betrachten, beschäftigte man sich seitdem insbesondere in der Philosophie vermehrt mit der Frage nach der Wirklichkeit. Der zutage beförderte Unterschied zwischen Realität und Irrealität machte eine neue Definition des Wortes »scheinbar« notwendig, die auch in zeitgenössische Wörterbücher Einzug erhielt: »Scheinbar« wurde nicht mehr neutral für sichtbare und in der Wirklichkeit vorhandene Dinge gebraucht, sondern als Adjektiv für Irreales, Vorgetäuschtes und der Wirklichkeit nicht Entsprechendes.

Anscheinend zu leicht zu verwechseln

Woher stammt aber das Wort »anscheinend«, mit dem wir »scheinbar« viel zu oft verwechseln? »Anscheinend« ist von dem heute so gut wie nicht mehr vorhandenen frühneuhochdeutschen Verb »anscheinen« abgeleitet, das so viel bedeutete wie »beleuchten« oder »bestrahlen«. Sein Partizip Präsens, das wiederum erst seit dem 18. Jahrhundert belegt ist, wird seither als Adverb synonym zu »offenbar« oder »offensichtlich« verwendet. Mit »anscheinend« kann also eine Vermutung geäußert werden, nach der etwas allem Anschein nach wahr ist, also so ist, wie es scheint. Trotz dieser eigentlich eindeutigen Definitionen der beiden Begriffe kommt es häufig zu Verwechslungen, und das Wort »scheinbar« rückt an die Stelle, an der eigentlich ein »anscheinend« angebracht wäre. Dieses Phänomen lässt sich unter anderem sprachökonomisch begründen: Immerhin hat der Begriff »scheinbar« eine Silbe weniger als sein Verwandter. Zusätzlich existiert das Wort »scheinbar« schon um einiges länger als das Wort »anscheinend«, und die über 250 Jahre angepriesene normative Unterscheidung zwischen beiden Begriffen fand offenbar nur bedingt Einzug in die von uns täglich verwendete Sprache.

Von Scheinheiligkeit und Ironie

Eine weitere Erklärung für die häufigere Verwendung von »scheinbar« liegt in der Tatsache, dass wir in spontanen sprachlichen Äußerungen meist nicht schnell genug einschätzen, ob etwas real oder irreal ist. Dabei kann die Unterscheidung in manchen Fällen relativ zwingend sein (es sei denn, die angesprochene Person ist sich bezüglich dieser ebenfalls unsicher). Ein Beispiel: »Die Richterin ist scheinbar unparteiisch.« wäre eine fatale Aussage, da impliziert wird, dass die Richterin nur so scheint, als sei sie in ihrer Entscheidung frei und fühle sich zu keiner Partei hingezogen. Hier wird eigentlich das Gegenteil ausgesagt, nämlich, dass die Richterin parteiisch ist! Ersetzt man aber »scheinbar« durch »anscheinend«, wird die Aussage zu einer (vertretbaren und hoffentlich auch) wahrheitsgemäßen Vermutung: »Die Richterin ist allem Anschein nach und ganz offensichtlich wirklich unparteiisch.« Ein sprachliches und vor allem rhetorisches Mittel, bei dem wir gezwungen sind, Schein und Sein voneinander zu trennen, ist die Ironie: Hier versteckt sich hinter »scheinbarem« Ernst ein spöttischer Inhalt und das Gegenteil vom eigentlich Gesagten. Ob jemand es »scheinbar« oder »anscheinend« ernst meint, ist auch hier keineswegs zu verwechseln. »Tolle Frisur!« kann nur »scheinbar« ernst (und »anscheinend« ironisch) gemeint sein, wenn sich jemand einen Scherz über die frisch geföhnte Dauerwelle erlaubt. Ist dieses Kompliment allerdings ernst gemeint, können wir »anscheinend« sicher sein: Die Frisur steht uns phänomenal.

Ein Wort erobert die Welt

Herkunft Okay okay OK O.K.

Es gilt als das bekannteste Wort der Welt – und es war das erste, das auf dem Mond gesprochen wurde.

Okay, wie beginnen wir diesen Text? Mit einem Rätsel. Jeder kennt es, jeder sagt es. Es ist eines der meist verwendeten Wörter der Welt und war das erste gesprochene Wort auf dem Mond. Obwohl seine Bedeutung relativ gering erscheint, versteht es jede/r – überall. So kommt es bei unglaublich vielen Gelegenheiten zum Einsatz: Auf eine Frage oder Aussage hin kann es Zustimmung ausdrücken und sogar Begeisterung, doch genauso kann es Mittelmäßigkeit bedeuten, ohne dabei abwertend zu klingen. Außerdem kann man damit fragen oder um Einverständnis bitten. Es kann Reden einleiten, Pausen überbrücken, Themenwechsel herbeiführen oder selbige ganz beenden. Meistens ist es dabei ein Adjektiv oder Adverb, manchmal kommt es aber auch als Nomen vor.

Na, schon drauf gekommen?

Die Lösung lautet: »okay«. Dieses Zauberwörtchen trat angeblich das erste Mal vor rund 175 Jahren in den USA in Erscheinung. Während in manchen Kreisen davon ausgegangen wird, »okeh« sei ursprünglich ein indianisches Wort mit der Bedeutung »es ist so« gewesen, gibt es noch eine andere Variante, die den Ursprung des Wortes belegen will: So habe sich unter Zeitungsleuten in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Trend zu raffinierten Abkürzungen entwickelt, die mit Vorliebe falsch geschrieben wurden. Zur Belustigung der Leserinnen und Leser sei so im Jahr 1839 das erste Mal das Wort »o. k.« in der Boston Morning Post in einem Artikel von Charles Gordon Green erschienen. »O. k.« für »oll korrekt« statt »all correct« war zwar ein flacher Witz, soll aber weitreichende Folgen gehabt haben: Im darauffolgenden Jahr nutzte der Präsidentschaftskandidat Martin Van Buren, der von seinen Anhängern und Anhängerinnen auch »Old Kinderhook« genannt wurde, die Abkürzung für seine Zwecke. »OK« wurde zum Emblem seiner Propaganda.

»Ach so? Hm. Aha, okay.«

Bei dieser Interpretation wird davon ausgegangen, dass sich ein zunächst nur geschriebenes Wort in der mündlichen Sprache durchgesetzt hat. Historisch gesehen ergeben solche Annahmen allerdings nicht besonders viel Sinn, da es so gut wie immer andersherum funktioniert: Die gesprochene Sprache geht der schriftlichen voraus – manchmal sogar um Jahrhunderte. Umso fragwürdiger ist es deshalb, dass sich aufgrund eines einzigen Zeitungsartikels ein Wort derart prominent entwickeln konnte. Müsste »okay« nicht also zuerst in der gesprochenen Sprache aufgetaucht sein? Mit Blick auf die USA des frühen 19. Jahrhunderts begibt man sich in die Geschichte der Sklaverei. Zwischen 1499 und 1820 wurden Menschen aus Nordwestafrika über den Ozean nach Amerika deportiert und gezwungen, als Sklavinnen und Sklaven zu arbeiten. Die Lingua franca, also die von ihnen untereinander gesprochene Verkehrssprache, war Wolof. Sie zeichnete sich unter anderem dadurch aus, dass sie in der Kommunikation von Interjektionen geprägt ist. Das sind Wörter, die in Gesprächen zur Verdeutlichung von Empfindung und Anteilnahme eingeworfen werden. Im Deutschen zum Beispiel können »aha«, »ach so« oder auch »hm« auf diese Art gebraucht werden und von Gesten wie Kopfschütteln oder Nicken begleitet werden. Dieses sprachliche Phänomen zur Bestätigung der Gesprächspartnerin oder des Gesprächspartners wird in der Linguistik auch als Backchanneling bezeichnet. So macht man während der Unterhaltung deutlich, dass man der sprechenden Person aufmerksam zuhört, ohne sie dabei zu unterbrechen.

»Okay« ist ein Wort-Import

In der Sprache der Versklavten in den Vereinigten Staaten war einer der häufigsten auf diese Weise verwendeten Begriffe das Wort »waw-kay«. Wenn der Plantagenbesitzer seine Befehle gab und den Menschen auf dem Feld mit der Peitsche drohte, wurde ihm ein »waw-kay« entgegengebracht. So kann man davon ausgehen, wie auch schon der Linguist Paul Werth formulierte, dass »okay« in seiner mündlichen Ursprungsform mit dem Beginn der Sklaverei in den USA Fuß fasste – aber natürlich nicht in der Sprache der Weißen und somit auch erst recht nicht in schriftlicher Form. Vielmehr ist anzunehmen, dass das Wort ganz allmählich in die gesprochene Sprache der Abkömmlinge Christoph Kolumbus’ übergegangen ist, sodass sein sklavischer Ursprung verschleiert wurde. So war »waw-kay« beziehungsweise »okay« wohl schon Teil der gesprochenen Sprache, als es vom Abkürzungstrend ergriffen wurde. Und mit den Buchstaben »o« und »k« fand es so schließlich auch seinen Weg in die Zeitungen.

Rassismus ist nicht okay!

Dass die witzige Geschichte über die Boston Morning Post hinfällig ist, beweist auch eine weitere wissenschaftliche Tatsache: Das Backchanneling-Phänomen zeigt sich nämlich weitaus häufiger im amerikanischen Englisch als im britischen und tritt auch öfter im südafrikanischen Afrikaans auf als im europäischen Niederländisch. So ist davon auszugehen, dass mit der Deportation von Sklavinnen und Sklaven nach Amerika aus Versehen auch ein Teil ihrer Sprache mit exportiert wurde. Wie kommt es aber, dass sich trotz all dieser Belege gerade die wenig plausible Annahme verbreiten konnte, das Wort »okay« sei während einer Zeitungsklamauk-Reihe um Abkürzungswitze entstanden? Mit dem Einzug des Wortes »okay« nicht nur in die englische Sprache stieg das Interesse an seinem Ursprung. Allerdings, so auch Paul Werth, hat man sich in der Forschung natürlich nur mit Quellen aus weißer Hand beschäftigt, sodass jede Dokumentation, die behauptete, »okay« stamme nicht von einem weißen (vermutlich heterosexuellen) Amerikaner, unbeachtet blieb. Dass ein vermeintlich schwarzes Wort die Sprache der Weißen erobert hatte, wollte sich niemand eingestehen. Zu schön war die Geschichte über die Boston Morning Post und ihre ach so einfallsreichen Wortspielereien.

Was das Präsens alles kann

Was das Präsens alles kann

Flexible Zeitform: Mit dem Präsens lässt sich auch über Zukünftiges und Vergangenes sprechen.

»Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.« So lautet eine bekannte Redensart, die uns daran erinnern soll, nicht ständig alles vor uns herzuschieben. Wenn wir sagen wollen, was wir schon erledigt haben, was wir jetzt im Moment gerade tun und was wir noch alles vorhaben, gibt es im Deutschen verschiedene Möglichkeiten. Die sechs verschiedenen Zeitformen, auch grammatische Tempora genannt, erlauben es uns sprachlich gesehen, Aktivitäten und Handlungen zeitlich einzuordnen. Vergangenheitsformen wie das Präteritum, Perfekt oder Plusquamperfekt benutzen wir für bereits Vergangenes: »Ich rief meine Oma an.«, »Ich habe den Biomüll runtergebracht.« oder »Das hatte ich letztens schon erledigt.« Um Zukünftiges auszudrücken, stehen die Tempusformen Futur I und II zur Verfügung: »Ich werde morgen weitermachen.« oder »Nächste Woche werde ich alles erledigt haben.« Und beim Präsens liegt die Verwendungsform scheinbar auf der Hand: »Ich telefoniere.«

Szenisch, episch, historisch

Aber ist das Ganze wirklich so simpel? Dass das Präsens gar nicht so unflexibel ist, wie die einfache Bezeichnung als Gegenwartstempus ihm unterstellt, kann eine beispielhafte Unterhaltung veranschaulichen: »Gestern telefoniere ich mit meiner Oma, da erzählt sie mir glatt, sie besucht mich bald!« – »Wie schön, geh doch mit ihr ins Museum.« – »Aber das schließt doch immer schon so früh am Abend.«

Hier kommt auf einmal überall Präsens vor. Dabei geht es gar nicht um gegenwärtig stattfindende Dinge, sondern zeitlich gesehen um einiges mehr. Zum Beispiel wird gleich im ersten Satz das Präsens benutzt, um das vergangene Telefonat wiederzugeben. Obwohl das Telefongespräch mit der Oma schon vorbei ist, was wir durch das Wörtchen »gestern« bereits wissen, kann hier das Präsens benutzt werden. In diesem Fall spricht man auch vom szenischen Präsens, das dazu gebraucht wird, die Erzählung für die zuhörende Person unmittelbarer, lebhafter und damit vielleicht auch ein bisschen interessanter zu machen. Statt des szenischen Präsens hätte hier auch eine Tempusform, die die Vergangenheit anzeigt, verwendet werden können (also vorzugsweise Perfekt oder Präteritum: »Gestern telefonierte ich mit meiner Oma.« bzw. »Gestern habe ich mit meiner Oma telefoniert.«).

Verwandt mit dem szenischen ist auch das epische Präsens, das von Autorinnen und Autoren in Romanen oder fiktiven Erzählungen gern verwendet wird, obwohl der jeweilige Text eigentlich durchgehend im Präteritum geschrieben ist. Bei der Verwendung vom epischen Präsens gibt es einen plötzlichen Bruch im Tempus: »Sie betrat das Museum und pfiff leise vor sich hin, während sie die Gemälde betrachtete. Plötzlich fängt eines der Bilder Feuer.« Mit dem abrupten Tempuswechsel wird Spannung erzeugt, und das Ereignis rückt für die Lesenden direkt in unmittelbare Nähe. Sowohl das epische als auch das szenische Präsens sind Formen des historischen Präsens. Dieses findet man in Lehrbüchern, aber vor allem auch in Schlagzeilen vor: »Im Jahre 1907 öffnet das Pergamonmuseum zum ersten Mal.« Auch dieser Satz klingt für uns völlig akzeptabel. Der Eröffnungstermin liegt hier zwar schon über hundert Jahre zurück, aber trotzdem kann für die historische Sensation problemlos das Präsens verwendet werden.

Das Präsens ist ein Alleskönner

Aber kommen wir noch mal zurück zu unserem Telefonat mit Oma. »Sie besucht mich bald« ist ein Ereignis in der Zukunft, dies wird vor allem durch das Temporaladverb »bald« deutlich. Ausdrücke wie zum Beispiel »morgen«, »in einer Stunde« oder »nächstes Jahr« (bzw. »gestern«, »vor zwei Stunden« oder »letztes Jahr«) erleichtern es uns, Handlungen, die im Präsens geäußert werden, der Zukunft (bzw. der Vergangenheit) zuzuordnen. Anstelle der Präsensform könnten hier dann auch einfach Futur (bzw. Präteritum oder Perfekt) angewendet werden: »Sie wird mich bald besuchen.« Die Bedeutung bleibt dieselbe. Man kann schließlich festhalten: Die simple Annahme, das Präsens werde ausnahmslos für gerade Stattfindendes benutzt, müssen wir als falsch zurückweisen. Es mischt mit, egal, ob eine Handlung in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegt, und beschränkt sich nicht auf den Gebrauch für Gegenwärtiges. In unserem täglichen Sprachgebrauch fällt uns die Vielfältigkeit dieser einfachen Zeitform kaum auf.

Was du heute kannst besorgen …

Was sucht das Präsens nun aber im letzten Satz unserer fiktiven Unterhaltung? In »Aber das Museum schließt doch immer schon so früh am Abend« bezeichnet das Präsens weder eine Handlung in der momentanen Gegenwart, in der Zukunft noch eine in der Vergangenheit. Gemeint ist vielmehr ein genereller, immer wiederkehrender Vorgang. Das Museum schließt nicht jetzt gerade früh am Abend, sondern jeden Tag aufs Neue. Das Präsens drückt hier in gewisser Weise Zeitlosigkeit aus und gibt Sätzen eine allgemeingültige Bedeutung, sodass man die Präsensform auch gern in Sprichwörtern verwendet. Wenn wir uns also an den allerersten Satz dieses Textes zurückerinnern, wird klar, warum wir auch hier Präsens verwenden: »Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.« Dieser gute Vorsatz hat einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit – und dennoch halten wir uns nicht daran. Vielleicht auch aus gutem Grund. So können wir uns jeden Tag aufs Neue vornehmen, der Prokrastination den Kampf anzusagen.

Von Äpfeln und Birnen

Apfel und Birne gehören zusammen wie »wie« und »als«

Als wie der Apfel?

In unsagbar vielen Situationen vergleichen wir, und selten geht es dabei einfach um besser oder schlechter: Wenn das Wetter von heute vielleicht wärmer war als das von gestern, wenn wir Erdbeereis lieber mögen als Vanilleeis oder wir die Texte von Goethe gegenüber denen von J. K. Rowling bevorzugen. In der Sprachwissenschaft nennt man diesen Vorgang Komparation. Um Dinge miteinander zu vergleichen, haben sich im Deutschen zwei Wörter entwickelt, die uns dabei sprachlich auf die Sprünge helfen. Mit ihrer Hilfe können wir sogar Äpfel mit Birnen vergleichen! Die Rede ist von »wie« und »als«. Sie werden auch Vergleichspartikeln genannt. Trotzdem werden die beiden Wörter manchmal durcheinandergebracht, verwechselt oder plötzlich gleichzeitig gebraucht. Aber ist das trotzdem noch korrekt? Um diese Frage zu beantworten, kann es helfen, »wie« und »als« und ihre Verwendungsweisen mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Gleichheit versus Unterschiedlichkeit

Das Wörtchen »wie« kommt bei Aussagen über Gleichheit zum Einsatz: »Die Birne ist rot wie der Apfel.« In der Sprachwissenschaft nennt man diese Vergleichsform auch Positiv, das Adjektiv bleibt dabei unverändert. Mit »wie« geht auch oft das Wörtchen »so« oder »genauso« einher: »Der Apfel schmeckt mir genauso gut wie die Birne.« Hat man alle Ähnlichkeiten zwischen Apfel und Birne festgestellt, kann man sich der zweiten Vergleichspartikel zuwenden: »Als« wird verwendet, wenn man die Unterschiedlichkeit zwischen Dingen ausdrücken will. »Die Birne ist saftiger als der Apfel.« Schaut man sich das Adjektiv bei dieser Art des Vergleichs mit »als«, auch Komparativ genannt, genauer an, fällt auf, dass ihm zwei Buchstaben angehängt wurden. Bei »-er« handelt es sich um die Steigerungsflexion von Adjektiven, also um die Endsilbe, die Adjektive zu Komparativen macht und Unterschiedlichkeit anzeigt. Birnen können außerdem »weicher«, »kleiner«, »unförmiger«, »süßer« usw. sein als Äpfel.
Das klingt so weit ganz einfach, betrachten wir aber folgende Sätze: »Der Birnensaft ist lauwarmer als der Apfelsaft.« oder »Der Apfelbaum ist toter als der Birnbaum.« Die Wörter »lauwarm« und »tot« lassen sich ganz offensichtlich nicht steigern. Adjektive dieser Art werden auch Absolutadjektive genannt. Diese drücken schon ohne irgendwelche Steigerungssilben den höchsten oder auch niedrigsten Grad der jeweiligen Eigenschaft aus. Weitere Beispiele hierfür sind »leer«, »voll«, »schwanger«, »dreieckig« und »optimal«. Um herauszufinden, welche Adjektive zu den Absolutadjektiven gehören, kann man versuchen, sie zu graduieren. Dabei lässt sich feststellen: Ein bisschen leer zu sein ist genauso unmöglich, wie ein wenig dreieckig oder ein bisschen schwanger. Adjektive, die wie die Absolutadjektive nicht steiger- oder graduierbar sind, sind solche, die aus anderen zusammengesetzt sind: Jemand kann nicht »bärenstärker« und auch nicht »hundsgemeiner« sein als jemand anders. Für Verwirrung sorgen dabei jedoch entlehnte Farbwörter wie »lila« oder »rosa«, die ebenfalls nicht steigerbar sind – »rot«, »blau« und »grün« währenddessen aber schon.

»wie« oder »als« – nicht beide zusammen

Aber zurück zu den Äpfeln und Birnen beziehungsweise zu »wie« und »als«: Beide Wörter kommen nämlich bekanntlich nicht nur bei Vergleichen zum Einsatz, sondern können auch andere Funktionen erfüllen. Neben der Tatsache, dass »wie« natürlich ein Fragewort sein kann, wird es auch gern für Metaphern oder rhetorische Figuren gebraucht, die nur entfernt etwas mit Vergleichen zu tun haben: »Wie geht es ihm?» – »Er schläft wie ein Murmeltier.«
»Als« währenddessen kann auch Nebensätze einleiten und Gleichzeitigkeit ausdrücken: »Das Telefon klingelte, als sie gerade in ihr Brötchen beißen wollte.«
Wenn wir nun aber bei den Vergleichen bleiben, fällt auf, dass manchmal »wie« und »als« sogar direkt hintereinanderstehen. Vor allem im Süddeutschen ist das Phänomen verbreitet, sich nicht für eine der beiden Formen zu entscheiden, sodass plötzlich einfach beide gleichzeitig vorkommen: »Der Apfel schmeckt mir besser als wie die Birne.«
Leider ganz falsch. Standardsprachlich darf entweder »wie« oder »als« vorkommen, je nachdem, ob man Gleichheit oder Unterschied ausdrücken will, aber nie beide auf einmal. Um die beiden Partikeln »wie« und »als« auseinanderzuhalten, hilft eine Faustregel: Sind die zu vergleichenden Dinge verschieden, benutzt man »als«, liegt eine Gemeinsamkeit vor, dann gebraucht man »wie«. Eigentlich gar nicht so schwierig.
Die Ursache dafür, dass die beiden Vergleichspartikeln trotzdem so gern verwechselt werden, besteht darin, wie sie sich seit dem Frühneuhochdeutschen entwickelt haben. Der Komparativ, der heute mit »als« gebildet wird, wurde früher durch »denn« oder »dann« ausgedrückt, während man für Gleichheit die Wörter »wie«, »als« und »als ob/wenn« verwendete. Das von uns heute noch gebrauchte Wort »als« hatte im Mittelhochdeutschen also noch die umgekehrte Bedeutung, für die wir heute »wie« benutzen. Wenn Goethe in Faust I deshalb meint »Da steh’ ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor!«, können wir ihm nicht unterstellen, die Komparationsregel nicht beachtet zu haben. Im Gegensatz zu heute war auch die Mischverwendung seinerzeit noch völlig legitim. Auf die gleichzeitige Verwendung von »als« und »wie« sollten die jungen Goethes unter uns heute aber lieber verzichten.

Im Saustall der Sprache

Saustall

Ferkeleien hinterm Zaun

Abseits der Standardsprache finden sich viele interessante Phänomene, die wir oft nicht einmal bemerken. Schimpfen zum Beispiel ist nicht nur ein verhaltensbiologischer Vorgang, sondern auch ein sprachlicher: Um seinem Unmut Luft zu machen, greift man spontan auf Äußerungen zurück, die in der Situation des Ärgers eine neue Bedeutung bekommen. Der in manchen Fällen sogar schmerzlindernd wirkende Aggressionsabbau durch Schimpfwörter mag auch ein Grund sein, warum Menschen sich hin und wieder zu gegenseitigen Beleidigungen hinreißen lassen. Was genau ist aber die Definition eines Schimpfworts?
In der Tat gibt es in der Forschung ein Gebiet, das sich mit genau dieser Frage beschäftigt: die Malediktologie. Mit Methoden der Linguistik, Soziologie und Psychologie wird versucht, sich dem Phänomen des Schimpfens zu nähern.
Ein wichtiger Aspekt dabei ist der Tabubruch, also verbale Grenzüberschreitungen und Entgleisungen. Was standardsprachlichen Konventionen von Höflichkeit und Benehmen widerspricht, findet bei Wutausbrüchen bevorzugt Verwendung. Nicht nur im Deutschen besonders verbreitet und beliebt sind dabei Fäkalausdrücke und Begriffe, die mit Exkrementen, Unreinlichkeit und Ekel oder mit Sexualität zu tun haben. Ganz oben in der Beliebtheitsliste der Beschimpfungen findet man aber auch Tiernamen.

Hundsgemeine Beleidigungen

Und die Artenvielfalt dabei ist riesig: Sie reicht von Säugetieren über Vögel bis zu Insekten. Die Kombinationen, meistens mit Adjektiven oder Verben, sind dabei selbsterklärend: So wird zum Beispiel der Hund, der Herrchen und Frauchen eigentlich doch immer treu ergeben ist, hundsgemein oder heimtückisch (und manchmal verreckt er sogar). Das Schwein, von dessen hoher Intelligenz wir eigentlich wissen, wird nach Bedarf dreckig, arm oder fett – ähnlich wie die Kuh, die aber doch mit Vorliebe doof oder blöd ist. Die Sau im Besonderen ist faul, Ziegen meckern, Esel sind störrisch und trotzig. Besonders artenreich im Vokabular ist auch die Gattung der Vögel: Schnapsdrosseln schauen zu tief in die Gläser, Schmutzfinken stapfen zu tief in den Matsch, Rabeneltern kümmern sich nicht um ihre Sprösslinge, (Aas-)Geier sind die Inkarnation von Gier und Geiz, Gans, Schnepfe und Pute gelten als dumm, Hühner dagegen neigen zu Panik und erheblicher Lautstärke, Gockel sind eitel vor Stolz, Enten sind lahm … Die Liste ließe sich noch ewig fortsetzen. Warum aber greift man bei der Schimpfwörterwahl so oft auf das Tierreich zurück?

Beschimpfung versus Liebesbeweis

Hund, Kuh, Schwein und Huhn werden bei solch spontanen Ausbrüchen gern verunglimpft. Und das, obwohl wie gesagt manche von ihnen gar nicht so doof sind, wie wir als Menschen annehmen. So reduzieren wir sie auf ihre vermeintlich verminderte Geistesfähigkeit und ihre dem Menschen oftmals unverständlichen Verhaltensweisen. Die in unseren Augen wilde und unberechenbare Trieb- und Tierhaftigkeit wird zum Gegensatz von (möchtegern-)friedfertiger Menschlichkeit. Jemandem das Menschsein abzusprechen, ist schon seit Jahrhunderten eine beliebte Art zu beleidigen.
Was ist aber mit »Bärchen« oder »Hasi«? Hier finden Tiernamen plötzlich Verwendung als Kosewörter und haben eine liebevolle bis zärtliche Bedeutung. Sie drücken Intimität und Gefühl zwischen Liebenden aus und würden wohl keinesfalls als Beleidigungen oder Schimpfwörter aufgefasst werden. Hier geschieht der Rückgriff auf die Tierwelt also genau umgekehrt, und aus »aufgeblasenem Gockel« oder »dreckiger Ratte« können blitzschnell »Spatz« und »süße Maus« werden. Damit, dass wir diesen Tieren eine gleichberechtigte Intelligenz zuschreiben, hat das allerdings wenig zu tun.

Hauptsache nicht aggressiv?

Da die Malediktologie eine noch recht junge Wissenschaft ist, kam man diesem plötzlich umgekehrten Phänomen auch bisher nicht auf die Spur. So scheint es ziemlich situationsabhängig zu sein, wann ein Tiername als Schimpfwort und wann als harmloses Kosewort gebraucht wird. Ebenso spielen Körpersprache wie Gestik und Mimik oder auch der Tonfall eine Rolle. Nach der Definition von Reinhold Aman, Philologe und Herausgeber der Zeitschrift »Maledicta«, ist jedes Wort ein Schimpfwort, sobald es aggressiv verwendet wird. Dementsprechend könnte man also ein »Schwein«, einen »Pinguin« oder eine »Qualle« genauso im Schlafzimmer finden wie in dem Auto, das einem gerade die Vorfahrt genommen hat. Rechtlich gesehen sollte man sich jedoch nicht auf diese Definition verlassen, vor allem nicht gegenüber Anzugtragenden. Eine Polizistin, die mit dem Strafzettel fürs Falschparken wedelt, freundlich mit den Worten »du Sau« zu grüßen, könnte ziemlich teuer werden.